Bolivien, August 2011:
Schülerin erzieht das Kind ihres Vergewaltigers
Hoffnungslos glaubte die Familie: "Für arme Menschen gibt es keine Gerechtigkeit" - IJM widersprach dem.
Ich heiße Chellamma* und komme aus Red Hills. Die meiste Zeit meines Lebens habe ich in einer Reismühle verbracht. Dort bin ich schon geboren. Mein Vater hatte früher einen kleinen Kredit bei dem Besitzer aufgenommen. Unsere ganze Familie arbeitete seitdem in der Mühle unter schrecklichen Bedingungen.
Als ich acht Jahre alt war, musste ich auch anfangen zu arbeiten. Ich half meinem Vater beim Trocknen der Reiskörner. Nebenbei kümmerte ich mich um meinen jüngeren Bruder und meine kleine Schwester. Unsere Mutter war schon gestorben. In die Schule durften wir leider nicht gehen. Als ich 13 Jahre alt war, musste ich wie eine Erwachsene schuften. Wir mussten den Roh-Reis erhitzen, zusammenrechen und die fertigen Reiskörner in Säcke füllen. Jeden Tag arbeiteten wir ohne Pause. Erst nach der Arbeit durften wir uns hinsetzen und essen. Lohn bekam ich keinen.
Der Mühlenbesitzer wusste, dass mein Vater krank war und beschrieb mir oft, wie meine Zukunft aussehen würde. Er sagte mir, dass ich für den Kredit verantwortlich wäre, wenn mein Vater stirbt. Ich müsste so lange in der Mühle arbeiten bis alles abbezahlt wäre. Vorher ließe er mich nicht gehen. Ich dachte, dass ich niemals die Mühle verlasse. Denn selbst wenn ich mein ganzes Leben arbeiten würde, könnte ich den Kredit nicht zurückzuzahlen.
Als ich 15 Jahre alt war, kam IJM mit Regierungsvertretern in die Mühle und holte uns heraus. Plötzlich war ich frei. Ich hatte schon aufgehört, daran zu glauben. Als ich aus der Mühle heraustrat, war ich überglücklich. Ich schöpfte wieder Hoffnung, dass meine Kinderträume doch wahr werden könnten. Schon immer wollte ich Lehrerin werden. In der Mühle konnte ich jedoch nicht einmal selbst etwas lernen. Ich träumte trotzdem davon. Mit dem Geld, was ich als Lehrerin verdienen könnte, würde ich dann meine Geschwister versorgen und dafür sorgen, dass sie auch lernen können.
Einige Monate nach unserer Befreiung lernte ich in einer Nachsorgeeinrichtung das Stricken. Es tat gut, endlich etwas lernen zu dürfen. Ich lernte so gut, dass mich die Einrichtung als Lehrerin anstellte. Ein erster Traum wurde wahr. Dann hat sich noch ein Traum erfüllt: In meinem Heimatdorf gibt es eine Schneiderin, die andere ausbildet. Ich habe sie schon immer bewundert. Jetzt konnte ich eine Ausbildung zur Schneiderin bei ihr machen.
Mein Leben ist heute ganz anders als früher. In der Mühle war ich oft krank. Ich sah nicht gut aus und war deshalb schüchtern, mit anderen zu reden. Heute bin ich mutiger, weil ich frei bin und mich nicht mehr schämen muss. Für meine Arbeit werde ich gut bezahlt. So kann ich für den Rest der Familie sorgen. Ich mag das Schneidern und Stricken. Ich liebe es zu sehen, wie sich die hellen und dunklen Fäden miteinander verweben. Die Farben vermischen sich und es entsteht ein wunderschönes Bild. Ich bin glücklich.
*Zum Schutz des Opfers wurde ein Pseudonym verwendet. Dennoch handelt es sich um einen wahren Fall, der von IJM unter dem echten Namen des Opfers dokumentiert worden ist.