Bolivien, August 2011:
Schülerin erzieht das Kind ihres Vergewaltigers
Hoffnungslos glaubte die Familie: "Für arme Menschen gibt es keine Gerechtigkeit" - IJM widersprach dem.
Vater und Sohn: Seit Generation war seine Familie über Jahrzehnte Sklaven in einer Reismühle. Raman kannte kein Leben in Freiheit. Hilflos sah er zu, dass auch seine Frau und Kinder Tag für Tag bis zur Erschöpfung arbeiten mussten. IJM deckte die Verbrechen in der Reismühle auf und befreite insgesamt 34 Sklaven. Heute ist Raman Dorfältester in seiner Heimat. Vor allem hilft er benachteiligten Menschen, indem er seine Stimme für sie erhebt: "Wir sind frei!"- aus seinem Wunsch in der Reismühle wurde Wirklichkeit. Mutig übernimmt er als Dorfältester Verantwortung, dass noch viele weitere in Zwangsarbeit sagen können: "Wir sind frei!"
Raman war erst in der vierten Klasse, als er die Schule unfreiwillig abbrach. Der Junge sollte nicht lernen, sondern arbeiten, sagte der Besitzer der Reismühle. Damit begann auch sein Schicksal in der Mühle. Genau wie sein Vater und sein Großvater, wurde Raman ein Sklave.
In der Falle der Sklaverei
Jahre zuvor hatte der Besitzer der Reismühle, Kandasamy, seine Arbeiter mit einmaligen Vorauszahlungen angelockt. Er hatte ihnen versichert, dass sie die Darlehen in seiner Fabrik abarbeiten könnten. Tatsächlich war der Vorschuss eine Falle. Kandasamy zahlte den Arbeitern nur so viel, dass sie sich ernähren konnten. Außerdem erhob er überhöhte Zinsen auf die Darlehen, die die Arbeiter nicht abbezahlen konnten. Die Reismühle konnten sie deshalb nicht mehr verlassen. Der Sklavenhalter drohte ihnen und misshandelte sie körperlich. Kandasamy prahlte ganz offen mit seiner Strategie und erklärte lachend: "Die Schulden der Arbeiter häufen sich immer mehr an. Sie müssen arbeiten. So führe ich dieses Unternehmen schon seit 25 Jahren!"
Während seiner Gefangenschaft in der Reismühle heiratete Raman eine Sklavin. Seine vier Kinder erbten das schreckliche Schicksal der Sklaverei, das von Generation zu Generation weiterging. Raman sagte, er hatte sich als "stiller Beobachter" seines eigenen Lebens gefühlt: in einem monotonen Kreislauf aus 18-Stunden-Tagen erntete er Reis, bearbeitete ihn und füllte den fertigen Reis schließlich in Säcke. Oft musste er zusehen, wie seine Frau bei der ebenfalls schweren Arbeit vor Erschöpfung zusammenbrach. "Wir hatten keine Wahl, wir mussten immer weiter arbeiten," sagte er und fand sich langsam mit seiner Lage ab. Doch er träumte, dass seine Kinder eines Tages spielen und zur Schule gehen könnten.
Fürsprecher für Raman und seine Familie
Nachdem IJM die Zwangsarbeit und Misshandlungen in der Fabrik entdeckt hatte, befreiten Ermittler mit lokalen Behörden, Raman und 34 weitere Sklaven dort.
Ein IJM-Leiter für die Nachsorge der Opfer in Chennai sagte: "Viele Arbeiter, die wir unterstützen, müssen sich erst an ihre Freiheit gewöhnen. Wir müssen sie an die Rechte, die sie als Bürger Indiens haben, erinnern, da sie so lange nur als Besitz behandelt worden sind und ihrer grundlegendsten Rechte beraubt waren."
Härtestes Urteil für Kandasmy in jüngerer Geschichte Indiens
Anwälte von IJM klagten in Chennai den Reismühlenbesitzer an. Erschütternder Weise wurde Kandasamy am Ende des Gerichtsverfahrens lediglich zu einer Geldstrafe von umgerechnet acht Euro verurteilt. Das belanglose Urteil ermutigte Kandasamy, erneut Sklaven zu halten. Außerdem drohte er Raman, der sich nahe der Mühle wohnt, Rache an ihm und seiner Familie zu nehmen. Aber Raman hatte keine Angst mehr. Er rief die Polizei und erstattete Anzeige.
Auf den Hinweis von Raman hin, startete IJM eine zweite verdeckte Ermittlung in der Reismühle. Wieder befreite IJM mit lokalen Behörden über ein Dutzend Sklaven. Doch diesmal sollte Kandasmy nicht erneut durch seinen Einfluss der Justiz entkommen. Nach einem zweiten Verfahren gegen Kandasmy verurteilte der Richter ihn zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe. Diese Verurteilung ist bislang die härteste, die in der Fallarbeit von IJM im Bereich Zwangsarbeit in Chennai bisher erzielt wurde. Sie ist eine der ersten Verurteilungen aufgrund des Vorwurfs der Sklaverei in Indien seit dem 19. Jahrhundert; zugleich eine der bedeutendsten, die je im indischen Bundesstaat Tamil Nadu für eine solche Straftat verzeichnet wurde.
Heute genießen Raman und seine Familie ihre Freiheit
IJM ermutigten Raman nach seiner Befreiung, bei der Regierung Unterstützungsleistungen einzufordern, die seiner Familie als ehemalige Sklaven zustehen. In seinem Dorf übernimmt er Verantwortung für andere: Als selbstbewusster Bürger erhebt er seine Stimme für Benachteiligte. Schon mehrmals hat er bei Behörden, Unterstützung für die Dorfgemeinschaft gesucht, sei es Wasser, Strom, Lebensmittel oder kleinere Landzuteilungen. Über siebzig Familien haben bisher von seiner Hartnäckigkeit profitiert. Ramans eigene Kinder können frei spielen und endlich zur Schule gehen: Der Traum des Vaters wurde wahr.
Ehemalige Sklaven warnen vor Falle der Sklaverei
IJM ermutigt Mandanten wie Raman dazu, offen mit Freunden und Bekannten über die Falle der Sklaverei zu sprechen. Solches Engagement setzt mit Informationen genau bei denjenigen an, die dem Menschenhandel am leichtesten zum Opfer fallen können.
In diesem Jahr veranstaltete IJM in Chennai ein erstes Training für ehemalige Zwangsarbeiter, die jetzt Verantwortung in ihrer Dorfgemeinschaften tragen. Raman konnte dabei gute Ratschläge geben, andere vor Sklaverei zu schützen und zu warnen. Wie für ihn, soll auch für viele andere Menschen gelten: "Wir sind frei!"
*Zum Schutz des Opfers wurde ein Pseudonym verwendet. Dennoch handelt es sich um einen wahren Fall, der von IJM unter dem echten Namen des Opfers dokumentiert worden ist.